Im Sommer 2016 lag das Angebot der Deutsche Glasfaser im Briefkasten: FTTH, Glasfaser bis in Haus, war das Versprechen. 100 MBit/s symmetrisch, keine Anschlusskosten, vertretbarer Preis.

Die Ausgangssituation auf dem Papier war denkbar gut, um ein solches Projekt zu realisieren. Viele Bürger waren mit dem aktuellen Internetanschluss unzufrieden. In den Ortskernen waren 16 MBit/s zwar durchaus realisierbar, aber in den Randgebieten tröpfelte es nur aus der Leitung. Teilweise betrug die Geschwindigkeit weniger als 1 MBit/s.

Kein Problem dachte ich, da machen alle mit – aber weit gefehlt.

Insgesamt waren am Ende 13 Mitglieder der Bürgerinitiative “Glasfaser für Kerken” notwendig, um in beiden Ortsteilen die geforderte 40 % Marke der Deutschen Glasfaser zu knacken.

Mit unserem Bauchgefühl und der wargenommenen Stimmung unter den Bürgern lagen wir trotzdem richtig. Im landesweiten Vergleich trug Kerken sogar die rote Laterne was den Breitbandausbau anging – weniger als 2 % der Anschlüsse waren 50 MBit/s schnell.

WDR5 – Morgenecho vom 13.10.2016 – Kerken ist Schlusslicht beim Breitbandausbau in NRW
http://glasfaser-kerken.de/2016/10/13/kerken-ist-das-schlusslicht-beim-breitbandausbau-in-nrw/

Ein Selbstläufer war das Projekt “Glasfaser” trotz der Umstände dennoch nicht. So waren alle Beteiligten heilfroh, als Anfang Dezember 2016 endgültig feststand, dass die geforderten 40 % erreicht waren.

Die Gemeinde Kerken wird nun bis Ende 2017 mit einer zukunftsfähigen FTTH-Infrastruktur ausgestattet – zumindest in den von der Deutschen Glasfaser geplanten Ausbaugebieten.

 

In der Zwischenzeit …

… ist viel passiert. Die PoPs (Point of Presence), sozusagen die lokalen Glasfaserverteiler, wurden in den Ortsteilen Nieukerk und Aldekerk aufgebaut, die ersten sichtbaren Zeichen des Glasfaserzeitalters.

Hier einige Impressionen der beiden Events:

PoP-Aufbau in Nieukerk: http://glasfaser-kerken.de/2017/06/02/der-pop-steht/
PoP-Aufbau in Aldekerk: http://glasfaser-kerken.de/2017/07/21/pop-aufstellung-nr-2-aldekerk/

Auch der eigentliche Netzausbau wird inzwischen immer konkreter. Die Deutsche Glasfaser hat mit den ersten Tiefbauarbeiten und den Hausbegehungen begonnen. Im Rahmen der Hausbegehungen wird pro Haushalt festgelegt, wie und an welcher Stelle die Glasfaser ins Haus kommt und welche baulichen Maßnahmen hierfür notwendig sind.

Laut der aktuellen Planung sollen bis Ende 2017 / Anfang 2018 alle Haushalte im Gemeindegebiet angeschlossen sein.

 

Gigabit Gesellschaft auf dem platten Land

FTTH ist im Kern ein technisches Infrastrukturthema. Liegt die Glasfaser erstmal bis ins Haus, sind die kommenden Bandbreiten in absehbaren Zeit eine reine Tariffrage. Alle verbauten Komponenten sind schon im Standard auf 1.000 MBit/s  = 1 GBit/s ausgelegt. Die 100 MBit/s des Einsteigertarifes sind also nur der Anfang.

Wir als Bürgerinitiative haben die Leistungsfähigkeit und Zukunftssicherheit der Glasfasertechnologie in den Gesprächen mit den Bürgern stets thematisiert. Unser Meinung nach ist mit dem Verlegen der Glasfaser bis in Haus das Thema Bandbreite für die kommenden 20 Jahre gelöst. Welche Technik die Glasfaser danach ablösen könnte, ist Stand heute noch nicht abzusehen.

Und die Geschwindigkeiten die bereits heute im industriellen Kontext mit der Technologie Glasfaser erreicht werden können, lassen noch viel Luft nach oben. Da sind die heute bereits für Privatkunden verfügbaren 1.000 MBit/s wiederum nur der Anfang.

Und die 1.000 MBit/s kamen schneller als erwartet. Mitte März 2017 veröffentlichte die Deutsche Glasfaser eine neue Tarifstruktur. Der Kunde kann nun 100, 200 oder 500 MBit/s symmetrisch buchen.

Mitte Juli wurden dann die 1.000 MBit/s nachgelegt. Einen kleinen Schönheitsfehler gibt es aktuell noch: in dem Tarif sind es “nur” 500 MBit/s im Upload. Der Preis richtet sich mit deutlich über 100 € im Monat allerdings auch nicht an den durchschnittlichen Internetnutzer.

Aber das ist nebensächlich. Es bleibt die Aussage, dass man mit FTTH schon heute die viel zitierte Gigabitgesellschaft realisieren kann – gerade in den ländlichen Regionen. Und ist erst die Bandbreite verfügbar, werden auch die Anwendungen folgen.

 

Kreis Kleve – Die Situation in den anderen Gemeinden

Auch in den umliegenden Gemeinden schreitet der FTTH-Ausbau voran. Ebenso wie in Kerken werden die PoPs aufgestellt und die Hausbegehungen durchgeführt.

In Sevelen wurden Teile der Infrastruktur schon in Betrieb genommen. Als erster Kunde in der Region wurde das “Altenheim St. Antonius-Haus” an das Netz der Zukunft angeschlossen.
http://www.nno.de/2017/07/erster-ftth-glasfaserhausanschluss-in-sevelen-aktiviert/

Zudem hatte der Kreis Kleve Mitte Februar 2017 einen kreisübergreifenden Antrag auf Fördermittel gestellt. Interessierte Leser finden hier Details zum Antragsverfahren:
https://www.breitbandausschreibungen.de/publicOverviewDetails/IBV-beginn/505

Inzwischen wurde der Antrag auf Fördermittel genehmigt. Damit fließen nun 29,7 Mio. Euro aus Bundesmitteln den in den Kreis Kleve. Dazu die entsprechende Pressemitteilung des Kreis Kleve:
https://www.kreis-kleve.de/de/aktuelles/schnelles-internet-im-kreis-kleve/

Entgegen den Erwartungen vieler Bürger läßt sich mit diesen Fördermitteln aber nicht “mal eben” Glasfaser im Ort verlegen. Die Förderschwelle liegt weiterhin bei 30 MBit/s. Ziel der Fördergelder ist es, die sogenannten “weißen Flecken” abzudecken. Dort ist die Versorgung deutlich schlechter als 30 MBit/s. Mit VDSL ausgebaute Bereiche bleiben von der Förderung zur Zeit ausgenommen!

Sehr positiv zu bewerten die Aufhebung der zuvor genannten Förderschwelle für Schulen. Glasfaserprojekte können jetzt auch mit bestehender Förderung durchgeführt werden.
http://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Pressemitteilungen/2017/100-dobrindt-digitales-klassenzimmer.html

Unabhängig von dieser Förderung werden in Kerken alle Schulen an das Glasfasernetz angeschlossen. Die Gemeinde hatte entsprechende Verträge bereits während der Nachfragebündelung bei der Deutschen Glasfaser unterschrieben.

 

Landtagswahlen

Interessant in diesem Zusammenhang war auch die NRW-Landtagswahl im Mai. Der Breitbandausbau war parteiübergreifend ein Wahlkampfthema. Im Ergebnis hat sich nun die neue schwarz-gelbe Landesregierung eine “Glasfaser-First”-Strategie auf die Fahne geschrieben.

Dies ist sinnvoll, da die Technologie Glasfaser das größte Potential für die Zukunft bietet. Die Kupfertechnologie dient noch einige Zeit als Brückentechnologie – Zuwächse in der Bandbreite lassen dort nur mit immer größerem Aufwand realisieren. Das Ende der Fahnenstange ist in Sicht.

Finanz- und Fördermittel müssen jetzt in die Glasfaser Infrastruktur fließen. Die konkrete Ausgestaltung der “Glasfaser-First”-Strategie bleibt in der Praxis allerdings noch abzuwarten.

Auch bei der anstehenden Bundestagswahl im September ist der Breitbandausbau ein sehr wichtiges Thema. Und dies zurecht, denn das Netz ist Basis für alle kommenden Anwendungen. Die Digitalisierung wird in nahezu in allen Branchen etablierte Prozesse und Produkte aufwirbeln und teilweise komplett auf den Kopf stellen. Auch wenn das heute viele – zukünftig – Betroffene noch nicht sehen (wollen).

 

Vectoring ist keine Glasfaser

Noch ein Wort zum Konkurrenzsituation bei Breitbandausbau: Die Deutsche Telekom wirbt im Kontext des Vectorings offensiv dem Begriff “Glasfaser”. Selbst wenn man den technischen Kontext großzügig auslegt – das Kupferkabel auf den letzten Metern zum Kunden bildet schon heute den größten Flaschenhals.

Ein Großteil der Bürger kann die beiden Technologien nicht unterscheiden! Bürgerinitiativen die sich für Glasfaserprojekte vor Ort einsetzten, kämpfen fortwährend mit diesem Missverständnis. Vectoring und echtes FTTH wird von den Bürgern in einen Topf „Glasfaser“ geworfen – was nicht zuletzt dem Marketing der Deutschen Telekom geschuldet ist.

Die Bürger sind dadurch oftmals verunsichert. Die Resonanz in vielen Fällen: „Warum soll ich bei “FTTH” unterschreiben? Die Telekom macht doch auch Glasfaser!“. In der Folge scheitern viele FTTH-Projekte an der mangelnder Akzeptanz, da für die Bürger die Notwendigkeit des Glasfaserausbaus nicht erkennbar ist.

Baut die Telekom dann in der Region auch noch mit Vectoring aus – gefördert oder aus Eigenmitteln – ist in der jetzigen Fördersituation der Chance auf einen Glasfaserausbau vertan.

Das böse Erwachen wird schon wenigen Jahren kommen, denn die Anforderungen an die Bandbreite wächst kontinuierlich. Gewinner werden die Regionen sein, die sich bereits heute für eine nachhaltige und zukunftsfähige FTTH-Infrastruktur entscheiden haben. Gemeinden die heute auf Kupfer setzen, müssen dann ein zweites Mal Eigen- und ggf. Fördermittel aufwenden – diesmal für echte Glasfaser.

 

Fazit

In Kerken hat das Gigabit Zeitalter begonnen. Die Schlüssel für diesen Erfolg in Form eines Ausbaus mit privatwirtschaftlichen Mitteln war das bürgerliche Engagement der Bürgerinitiative “Glasfaser für Kerken”.

Die Aufklärung der Bürger über die generelle Notwendigkeit des Breitbandausbaus, die Unterschiede in den Technologien – speziell Vectoring und FTTH – und die Vorteile der Glasfasertechnologie ist essentiell für die Erreichung des Ziels der Gigabitgesellschaft.

“FTTH.blog” hat sich genau dieser Aufklärung verschrieben!